Ausstellungsrezension: Drinnen/Draußen im Art-Lab Berlin im iPhonedoctor

Von Mirl Redmann

Das Art Lab Berlin im i-phone Doktor liegt wie ein aus dem Orbit geschleudertes Weltraumwrackteil in der Perlebergerstaße – die potenzielle Laufkundschaft ist berlingemäß multikulturell, wirkt aber großenteils nicht unbedingt kunstinteressiert. Eine ostasiatische Frau fängt meinen Blick – sie sieht vom deutschen Wetter und der deutschen Mentalität geprägt aus – und hastet weiter. Irgendwie ist es bei Kunst wie bei den KfZ-Gutachten im Laden gegenüber, die Leute kommen, weil sie Freunde sind oder weil sie etwas ganz Spezielles suchen. Auch ich bin am Art Lab das erste Mal vorbei gelaufen, draußen hängt ja noch das vergilbte Schild des vor sechs Jahren verzogenen i-Phone Doktor und die Kunst ist weder immer da, noch heischt sie unbedingt um Aufmerksamkeit. Und dann erinnere ich mich, wie ich das eigentlich allererste Mal enttäuscht vor dem geschlossenen Laden stand, auf der Suche nach einer Handyreparatur.

Seit November 2012 zeigt das Art Lab im i-phone Doktor aktuelle Kunst aus der arabischen Welt und von internationalen Künstlern in Berlin. Charlotte Bank und Salah Saouli arbeiten non for profit, aus der eigenen Tasche und immer gegen die Uhr – die Galerie ist klein und schrammelig wie eine Kinderschatzkiste, mit einem Programm, das die Dringlichkeit der Geschmäcker, Interessen und Freundschaften der beiden Macher reflektiert. Das bedeutet zwischen der unmittelbaren Moabiter Nachbarschaft, dem Berliner Kunstleben und einem virtuell weltweit zerstreuten Netzwerk oszillieren. Ich habe hier schon Vorträge über die Zerstörung modernen syrischen Kulturerbes gehört und Grafiken zur Unterstützung von künstlerischen Arbeiten in Flüchtlingscamps gekauft, ich habe hier aber auch aktuelle Malerei, Installationen, Performances und Filme live gesehen, für die ich sonst weit hätte reisen müssen. Auch wenn Kunstformen und Rahmenbedingungen einander mit Bedacht abwechseln, das überaus selektive Videoprogramm innerhalb der Reihe „Forum for new Arab art“ bildet eindeutig das Rückgrat der Programmierung.

Im März 2016 ist eine Doppelausstellung zu sehen: Drinnen – Draussen, mit einer Installation des in Berlin lebenden schwedischen Künstlers Daniel Segerberg (Ouroboros, 2011) und einem Video der in Damaskus lebenden syrischen Künstlerin Reem al Ghazzi (Crack, 2007). Wegen der Projektion im hinteren Teil der Galerie sind die Rollläden/Jalousien heruntergezogen. Die Galerieräume werden damit zu einem Echo des Films, in dem ein alternder Kairener Schneider seine Ladentür soweit möglich geschlossen hält: „…closing my door is my cure and protection…“ sagt er. In seiner Erzählung kommt er gleich zum Punkt und verfällt dann auch wieder in Schweigen, das Video dauert nur vier Minuten. Nach dem Verlust seines Kindes vor 15 Jahren hat er sich von der Welt abgeschlossen – er habe vier Töchter und zwei Söhne – einer ein Taugenichts und einer ein Geschenk Gottes, dieser wurde ihm genommen („…he had a beard…they took him away…“). Eine Geige schwingt seinen Worten nach, nichts wird erklärt oder infrage gestellt. Die Projektion öffnet nur einen schmalen horizontalen Spalt auf das Geschehen; Gazzi, ihre Kamera und wir teilen die Intimität des dunklen Ladens mit ihm, die Kamera verfolgt aus nächster Nähe seine Bewegungen bei der Arbeit, beim Teetrinken, Erzählen und Beobachten. Der schmale Spalt der geschlossenen Türöffnung bildet in Crack den einzigen Ausblick auf die Welt, durch ihn dringen die Geräusche und das Licht der ungeliebten Straße herein. Einmal verlässt der Mann den Laden, um Wasser für den Tee zu holen. Ein Tee nach dem anderen. Auf einem Stapel liegen vier Kassetten. Er macht die Musik an, die wir bis zum Ende des Films hören, die arabeske Variation eines großen Orchesters, während wir ihm nachsehen, und dann seine Perspektive einnehmen, mit Blick auf die Tür, die Öffnung und die Straße. Die ägyptische Ikone Umm Koulthum improvisiert auf der Liedzeile „…two steps apart, just two, just two steps…“. Dann beginnt das schöne, enigmatische Video wieder von vorne.

Im vorderen Raum der Oreborus, von Daniel Segerberg (2011): auf einer Art perspektivisch verzogenem, um ein vielfaches vergrößerten Backgammonbrett, krümmt sich ein verbogener Metallstuhl mit gebrochenen Rückgrat, in eine Hommage an das Unendlichkeitszeichen, der sich in den eignen Schwanz beißenden Schlange. Der Gartenstuhl auf dem verzerrten Backgammonbrett ist so vertraut und unheimlich zugleich, er lässt mich an die elektrifizierten Pseudoküchen Mona Hatoums oder die Einrichtung lateinamerikanischer Folterkeller denken, die die US-Amerikanische Literaturwissenschaftlerin Elaine Scarry ihrem Buch The Body in Pain (1987) durch die Bücher lateinamerikanischer Autoren beschreibt. Sie argumentiert, dass das Un-heimliche der Folter gerade in der perversen Absurdität der Deplatzierung des alltäglichen und populären besteht. Auch in diesem Raum hier konvergieren aus dem Kontext gerissene Lebensrealität und die nur scheinbar bekannten, infrage gestellten Beziehungen zur Welt, nach Drinnen und Draußen –

Video und Installation spinnen an einer gemeinsamen Perspektive: Vor mir liegt der verkrümmte Gartenstuhl als Zeichen der ewigen Wiederholung, nebenan klagt der Mann im Video:„…they took my life away when they took him…“. Der zunächst kryptischer Hinweis, dass sein Lieblingssohn, das Geschenk Gottes, „einen Bart hatte“, zeugt davon, dass er Muslimbruder und somit während der 90er Jahre in Ägypten massiven Verfolgungen ausgesetzt war. Im Moment des Filmens 2007 war der Sohn vor 15 Jahren verhaftet worden und blieb seitdem verschollen. Exil, Angst, Liebe und Sehnsucht: Wer weiß, welches Lied im Film spielt, kennt auch seine ersten Zeilen: „I’ve forgotten sleep and its dreams – I’ve forgotten its nights and its days – Far from you my life is torture …“.

Es mag vielleicht schon das elfte Mal sein, dass die Violine ihr Stimmenecho ins Leere schickt; ich kenne mittlerweile das Relief der Deckenverschalung, die Nägel in der Wand, das gleichmäßig gespannte Raster unter der Decke, die Sprünge der abgeplatzten Linoleumplatten am Boden – die Heizung glüht in meinem Rücken, draußen dröhnen die Autos leise, immer die leeren Umrisse der Passanten vor der Tür, Umm Koulthum klagt und ich verstehe, warum eine beim US Militär beliebte Form der psychologischen Folter die endlose Wiederholung bestimmter Songs ist. An der Spitze der Wärtercharts: Das Lied aus Barney I love you aus dem Unterhaltungsfernsehen („I love you, you love me, we’re a happy family, With a great big hug and a kiss from me to you. Won’t you say you love me too…“ – in einem Stück des neue Musik Komponisten xy sah ich diese Melodie neulich mehr und mehr zerhackt werden, bis der Percussionist am Ende erst auf dem Kopf des verhörten Vokalisten trommelte und dann mit seinen Schlagstöcken eine verkabelte Melone zerschlug, eine sehr unsubtile Art des Umgangs mit der Thematik).

Der Raum ist kalt, die Heizung glüht in meinem Rücken – wir sind in Berlin, Menschen hasten vorbei, keiner schaut rein, keiner schaut auf. Zwei Teenager in Burka laufen nebeneinanderher auf ihren Handys daddelnd vorbei, ihre Stöpsel im Ohr. Mit dem Folterstuhl vor mir, der glühenden Heizung und Umm Kulthums Klage um den verlorenen Geliebten im Rücken, erscheinen sie mir  wie die gehijackte iPod Werbung, die 2004 in NY und LA begann aufzutauchen, mit der Silhouette des von amerikanischen Wärtern gefolterten Häftlings Haj Ali, in einem Umhang auf einer Kiste stehend und verkabelt. Wie viel anders sieht es in den Gefängnissen Al-Sisis, Assads oder Erdogans aus? Nicht jeder ist so gefangen in dieser Ausstellung wie ich | nicht jeder hat wie ich die Möglichkeit nach Ablauf seiner plus-minus 30 Wiederholungen desselben Filmloops auch wieder zu gehen: Ich vermeine den Horror einer PTSD zu erahnen, schwaches Echo der Realitäten des Exils oder der Folter oder der Tretmühle des Alltags so vieler nicht wie ich vom Leben geküsster Arbeitnehmer und Jungeltern – DORT ist die Freude und die sinnliche Erfahrung! Und doch: „…just two steps away…closing my door is my cure and protection…just two steps away…“

Crack erinnert in seiner Klaustrophobie an den Spielfilm A Ladder to Damascus (2013) des syrischen Regisseurs Muhammad Malas – überall und immer wieder: Die Angst wird groß – wie das Alltägliche im verzerrten Spielbrett, das den vorderen Raum fast ganz einnimmt. Eine Depression als Kunstwerk, das Kunstwerk als Echo einer Realität – dieser, hier, vor der Tür! Für so viele Menschen in Berlin: als Symbol für den Verlust, als Warnung dafür, dass auch wer nicht im Exil oder in Gefangenschaft gezwungen wurde, sich selbst oft nicht befreien kann.

Ich erinnere mich an das Video No Time no Place von Bashar al Hroub, dem Palästinensisch/Londner Künstler, dass ebenhier neulich die Nacht erleuchtete. Wie das Violinecho in Crack, schien dieses Video ohne Ton ein Echo der Strassenszene vor der Tür, ein gespenstisches Überwachungsvideo mit viel Bildrauschen. Auch als ich Kind in einem technisch hoffnungslos veralteten Heim war, gab es dort noch einen kleinen Fernseher, der manchmal hauptsächlich, wie wir es nannten, Ameisenkrieg zeigte: schwarz-weißes Bildrauschen. Aus dem Rauschen tauchen schemenhafte Menschen auf, als hätte man ein Videoband zu oft gesehen. Wie verblassende Erinnerungen, die im Ritual der Wiederholung gebannt werden müssen, um nicht zu Leerstellen zu werden.

In Syrien tobt seit genau fünf Jahren der Krieg und die Deutschen haben nach nur wenigen Dekaden vergessen, wie sie hofften, dass mit ihnen umgegangen würde während einer „Flüchtlingskrise“. In dieser Situation wird diese Ausstellung auch zur politisch/menschlichen Mahnung: So viele Leben so vieler Menschen in Ägypten, ebenso wie in Syrien (, Irak, Afghanistan und der Türkei, Saudi Arabien…) wurden von Regimen zerstört, deren Selbsterhaltungstrieb stärker ist als die Menschlichkeit ihrer Funktionäre, lange vor der aktuellen Situation. Trotz des nun exponentiellen Terrors von Krieg, Flucht und Vertreibung, können diese despotischen Regime keine Alternative, keine Verhandlungspartner und keine Waffenkäufer sein. Und hier sollten wir keine Angst vor der Unsicherheit haben, sondern vor dem Mangel an Solidarität über Zeiten und Räume hinweg. Ich finde, diese Galerie braucht ein Leuchtzeichen! Und ein handgemaltes arabischsprachiges und ein geprägdrucktes deutsches Schild – dann kann das Englische in den Drucksachen bleiben, denn die künstlerischen Positionen müssen sich vor der Realität des lokalen Kontextes nicht verstecken.

Eigentlich ist in zwei Tagen Frühlingsanfang, nur dass davon nichts zu spüren ist – wie wäre es mit einem Kohlebecken und einem Samowar vor der Tür? Eigentlich würde ich eher einen Chai anbieten, es ist schließlich immer noch Winter…

 

Auf youtube findet sich eine untertitelte Version von Umm Koulthums Baeed Anak/Far from You (1965), vor einem ausverkauften Haus in der Pariser Oper 1967.

Mirl Redmann ist Arabistin und Kunsthistorikerin, sie promoviert seit 2013 im selben Projekt wie Charlotte Bank in Genf.

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